Fest der Kulturen 2011 in der Berliner Philharmonie
Ein 500-köpfiger Gospelprojektchor

"Vom Orient bis zum Okzident" spannte sich ein erstaunlich kontrastreiches Musikprogramm am 30. Januar 2011 in der Berliner Philharmonie. Fünf Chöre. Fünf Dirigenten. Drei Kontinente. Zu einem großen "Fest der Kulturen" mit über 600 Mitwirkenden hatte der Rundfunkchor Berlin mit seinem Chefdirigenten Simon Halsey eingeladen.
Statt "Kampf der Kulturen" also "Fest der Kulturen" - und so vereinigten sich türkische Lieder mit Chormusik, Spirituals mit Gospel. Zum Ende wurden die beiden benachbarten Kulturen Russlands und Armeniens mit Duduk-Improvisationen zwischen Sätzen der Rachmaninow-Vesper zusammengeführt. Im Sinne von Lessings Gedicht "Nathan der Weise" ging es um die Gemeinsamkeiten der drei monotheistischen Weltreligionen. Das Fest der Kulturen wollte einladen, die Lebens- und Glaubensformen in ihren unterschiedlichsten historischen und geographischen Varianten nicht als Bedrohung zu empfinden, sondern zu genießen.
Insbesondere mit Musik und Gesang lassen sich die Grenzen überwinden, besser zum Beispiel als mit Sport, meint Rundfunkchor-Chefdirigent Simon Halsey.
Seit 2003 wird das Projekt unter dem Titel "Broadening the Scope of Choral Music" in Anlehnung an eine Initiative in Birmingham verfolgt. In diesen internationalen Mitsingkonzerten reicht der Rundfunkchor Berlin Sängerinnen und Sängern die Hand, die das Singen nicht professionell betreiben.
Für das diesjährige Fest hatte der Rundfunkchor Berlin einen knapp 500-köpfigen Gospelchor aus Laiensängern formiert. Das passt gut zur Idee des "Festes der Kulturen", beweist doch die große vielfarbige Gospelgemeinde in Deutschland, dass Musikkulturen nicht an ethnische Zugehörigkeiten gebunden sind. Seit Anfang Januar hat sich der Projektchor unter der Leitung des Berliner Gospel-Experten Christoph Zschunke eingestimmt. In den letzten Tagen sorgten dann die amerikanischen Dozenten André Thomas und Raymond Wise für den letzten Schliff und den notwendigen Groove. Beide sind weltweit gefragte Spezialisten für Gospels und Spirituals
Die Freude und der extreme Ausdruck, die im Gospel sichtbar werden, führt André Thomas auf die starke inhaltliche Bindung der Musik mit dem Glauben der Sänger zurück. Gospel, zu deutsch Evangelium, ist seiner Meinung nach nicht DER Gospel ohne die Verinnerlichung der dahinterstehenden Botschaft. Gospel lebt von der inneren Beziehung zu Gott, so André Thomas.
Bereits lange vor Konzertbeginn hatte sich das Foyer der Berliner Philharmonie am 30. Januar 2011 gefüllt. Eine bunte Mischung aus Gästen und Mitwirkenden stimmte sich auf den Abend ein. Der Raum ist erfüllt von orientalischen Klängen im Rahmen einer beeindruckenden Filmvorführung: "The Veil of the Temple, eine Reise ans Ende der Nacht", eine Co-Produktion von Silvia Beck und dem Rundfunkchor Berlin.
Im ersten Programmblock dann verschmolzen türkische Lieder mit geistlicher Chormusik. Im Wechsel tauchte der Zuhörer fasziniert ein in die einstimmig gesungenen Lieder türkischer Komponisten mit ihrer vielfältig figurierten Instrumentalbegleitung. Im nächsten Augenblick wurde man berührt von polyphonen Chorwerken westeuropäischer Meister . Am Ende erklang beides so selbstverständlich miteinander, das Trennendes von Orient und Okzident musikalisch verschmolz - und das Publikum fasziniert und tief beeindruckt Applaus spendete.
Mit viel Bewegung und Groove ging es in den zweiten Programmblock des "Festes der Kulturen", diesmal unter der Leitung von André Thomas und Raymond Wise am Flügel. Sie nahmen die Zuschauer in der sehr gut gefüllten Philharmonie mit auf eine Reise durch die musikalisch reichhaltigen Facetten der Gospelmusik. Neben eindrucksvoll von der Solostin Naguanda Nobles interpretierten Spirituals und Modern Gospel erklangen natürlich auch die Klassiker der Gospel-Chormusik wie André Crouchs "Soon And Very Soon" und Edwin Hawkings "Oh Happy Day". Die Dynamik des gewaltigen Projektchores, der extra für das Fest der Kulturen gegründet wurde, und der Groove der Gospelband erfüllten den Saal. Das Publikum feierte und klatschte begeistert mit - ein buntes mitreißendes Konzert.
500 Laiensänger auf eine Linie zu bekommen, das ist nicht so leicht, verriet uns US-Gospel-Spezialist André Thomas. Gospel als Dialog zwischen Sängern und Publikum. Sie verschmelzen zu einer Einheit. André Thomas war sich anfangs nicht sicher, ob das deutsche Publikum diesen Dialog aufnimmt. Seine Hoffnung hat sich jedoch erfüllt. Ganz nebenbei erfuhren wir im Gespräch mit André Thomas den Unterschied zwischen Spirituals und Gospelmusik.
Sanfte und weiche Töne nahmen im dritten Teil die Zuhörer mit auf eine fast meditative Reise der Sinne. Im brillanten Chorgesang, präzisen Einsätzen und ausgefeilter Dynamik erklang zum Abschluss des festlichen Abends der Rundfunkchor Berlin: ein vokaler Hochgenuss oriental-okzidentaler Ökumene, wundervoll arrangierte aramäische religiöse Gesänge voller atemberaubender Spannungsbögen. Improvisationen auf der beruhigenden Duduk, der armenischen Oboe, im Wechsel mit den 15 Motetten der Vesper opus 37 Sergej Rachmaninows luden musikalisch zum west-östlichen Dialog ein - und verzauberten die Zuhörer. Ergriffen verließ das Publikum den großen Saal der Philharmonie Berlin.
Im Foyer traf man sich wieder und ließ das sechsstündige Musikfest gemeinsam ausklingen - mit improvisierten Gospel-Songs zum Mitsingen und Mitmachen. Die Gospel-Szene ist an diesem Abend wieder ein Stück gewachsen. Viele neue Gesichter strahlten uns am Gospelradio-Stand entgegen. Sie haben anstrengende, aber bewegende Probenwochen hinter sich. Möge die Freude am Singen Ihr Leben bereichern, wie Simon Halsey, der Initiator dieses Projektes sehr schön formuliert.
Singst Du schon in einem Chor? Es gibt so viele Chöre und insbesondere Gospelchöre in unserem Land. Oder möchtest du beim nächsten Mitsingkonzert des Rundfunkchors Berlin mitmachen? Unverbindlich kannst du dich bereits jetzt vormerken lassen, schreib einfach einen E-Mail an info@rundfunkchor-berlin.de.
Und zuletzt geht ein großer Dank an den Rundfunkchor Berlin und seinen Leiter Simon Halsey - für dieses wunderbare und gelungene Fest der Kulturen. Schade nur, dass wir bei diesem Ereignis fast nur deutsches Publikum gesehen haben.
Text: Rainer Zincke
Fotos: Rundfunkchor Berlin, Matthias Heyde
Unsere Audiobeiträge zum Fest der Kulturen findet Ihr hier:
Feature hören >>
Interview mit Simon Halsey hören >>
Interview mit André Thomas hören (englisch) >>
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Mehr zu den mitwirkenden Chören und Ensembles:
www.btmk.de
www.consortium-vocale.de
www.ensemberlino.de
www.andrejthomas.net
www.raiseonline.com
www.rundfunkchor-berlin.de
Mehr zu Chören in Berlin: www.berlin-gospel-web.de
zin 2011-02-02













