Gospel-Tornado fegte durch Revue-Tempel
"The Very Best of Black Gospel" gaben am 6. Januar 2010 ein beeindruckendes Berlin-Debüt im Friedrichstadtpalast

Ein einfaches Holzkreuz steht zentral im Bühnenhintergrund. Dazu drei mit violetten Tüchern dekorierte Keyboards, ein paar Mikrofonständer – das war's. Ein recht schlichtes Bühnenbild, möchte man meinen. Schließlich befinden wir uns in Europas bekanntestem Revue-Theater, in dem sonst mit Prunk und extravaganten Dekorationen nicht gegeizt wird. Aber es geht ja am heutigen Abend auch nicht um langbeinige kurzberockte Show-Girls, sondern um ein Gospel-Konzert. Ein bisschen Extravaganz leistet man sich trotzdem: Gleich zwei Schlagzeug-Sets thronen im Bühnenhintergrund, nehmen das Kreuz quasi in die Mitte. Ein klares Signal dafür, was für eine Art Gottesdienst heute hier gefeiert wird: ein treibender, Rhythmus-dominierter Musik-Tornado voller emotionaler Ausbrüche und körperlicher Ausdruckskraft: Black Gospel pur!
"We set the atmosphere for this service" singen die 13 Sängerinnen und Sänger dann auch gleich zu Beginn – und lassen das erwartungsvolle Publikum im bestens gefüllten Friedrichstadtpalast erahnen, dass an diesem Abend nicht nur erstklassige Stimmen zu hören sein werden, sondern auch aufrichtige Gospel-Botschaft. Die Auswahl der Songs ist klar traditionell. Von "Go down Moses" über "Amazing Grace" bis hin zum Finale mit "Oh Happy Day" wird kaum ein Gospel-Ohrwurm ausgelassen. Jeder der schon oft gehörten Klassiker erhält jedoch neue Strahlkraft durch die raffinierten Arrangements, die Gregory M. Kelly als musikalischer Leiter dem Ensemble auf den Leib geschrieben hat. So wird eine Ballade durch Break-Beats aufgebrochen, ein grooviges Uptempo-Stück erhält stattdessen ein ein filigranes Groove-Gerüst in halber Zählzeit und wird somit entschleunigt. Die Verfremdungen reichen jedoch nie soweit, dass das tapfer mitklatschende Publikum den Grundbeat verliert.
Die Stimmung im Saal ist von Anfang an hervorragend. Immer wieder nimmt Gregory M. Kelly die Zuschauer durch kleine Mitmach-Aktionen an die Hand, moderiert sympathisch in einem waghalsigen Deutsch-Englisch-Mischmasch, und stellt seine Mitmusiker respektvoll als ebenbürtige Kollegen vor. Natürlich darf jeder mindestens einmal solistisch brillieren. Schade nur, dass solch große Stimmen durch zuweilen unzureichende Mikrofon-Technik ihre Kraft und Ausdrucksstärke nicht voll entfalten können. Großer Jubel im Publikum daher auch in dem Moment, als Musik-Mastermind Kelly zwei A cappella-Songs ankündigt und sämtliche Mikrofone abgeschaltet werden.
Doch kurze Zeit später ist wieder Gospel-Party mit vollem Band- und Sound-Einsatz angesagt. Und als Power-Altistin Dorrey Lin Lyles bei "Gonna Be Alright" über Bühne und durch Zuschauerreihen fegt, halten sich auch die zahlreich anwesenden älteren Semester im Publikum nicht mehr auf ihren Sitzen. Eine ausgerastete Gospel-Party – wie sie in manchen schwarzen US-Kirchen abgehen könnte – ist hier in vollem Gange. Klar ist das auch Show, aber eben keine genehme Inszenierung, sondern ein Gefühlsausbruch, der authentisch aus vollem Herzen (und voller Kehle) kommt. Nicht zu stoppen sind die beiden Schlagzeuger, Justin Hezekiah Lesley und Sam Franklin, die oftmals beeindruckend synchron, dann wieder in furiosem Einzelspiel ein rigoroses Rhythmus-Feuerwerk abbrennen, dass es nur so fetzt.
Wenn auch "The Very Best of Black Gospel" für den ein oder anderen nach kommerziellem Gospel-Zirkus für die Weihnachts-Saison klingen mag – hier wurde wirklich eine Gruppe von Sängern und Musikern zusammengestellt, die nicht nur musikalisch voll überzeugen, sondern auch in ihrer sympathischen Ausstrahlung und Individualität ihresgleichen suchen. Es ist eine wahre Freude, ihnen dabei zuzusehen, wie sie selbst einen ordentlichen Spaß an ihrem Auftritt haben, miteinander herzlich interagieren – und damit das Publikum berühren und voll mitreißen.
Mehr als 100 Auftritte hat das Ensemble in dieser Saison (bis Mitte März 2010) zu bewältigen, eine echte Mammut-Tour. Wenn das Feeling anhält, das am 6. Januar im Friedrichstadtpalast zu erleben war, hat die Gruppe eine sehr erfolgreiche Zukunft vor sich.
Wer "The Very Best of Black Gospel" noch erleben möchte, findet die weiteren Termine auf der Website: www.blackgospel-tour.com
Mario Gugeler
gug 2010-01-07












